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GEORG  PHILIPP  RUGENDAS  I

1666 Augsburg 1742

 

Die  beiden  monumentalen  Schabkunstblätter

der  Sammlung  von  Roemer

Georg Philipp Rugendas I, Prinz Eugen von Savoyen
Prinz Eugen von Savoyen
Georg Philipp Rugendas I, John Churchill Herzog von Marlborough
John Churchill Herzog von Marlborough

Prinz  Eugen  von  Savoyen

&

John  Churchill  Herzog  von  Marlborough

2 Blatt. Schabkunstblätter. (1713/14.)
Bezeichnet: Georg Philipp Rugendas inv. et fec(it(.)) Aug. V(ind).
46,9 x 36,2 cm; Teuscher 55 = nicht bei Stillfried + Nagler,

die beide nur die nicht zugehörige Version T. 59 kennen,

+

T. 58 = St. 282 + N. 10, 42,8 x 37 cm,

die lavierte gleichseitige Federzeichnung
in der Witt Collection/Courtauld Institute Galleries London.

Zeitgenössisch illustrierend eine Waffenbrüderschaft der Extraklasse, gipfelnd im Sieg von Höchstedt/Blendheim, die „dem Spanischen Erbfolgekrieg eine entscheidende Wendung gab(en)“. Mit dem ersten Marlborough aber vor allem jene Kraft Britanniens, von dem sein nicht minder herausragender Nachfahre, Kriegspremier Sir Winston, in seinem Marlborough-Klassiker schrieb, er “brach unwiderruflich die exorbitante Macht Frankreichs”.

Und zusammen nicht nur als denn immerhin gleich zwei der superb seltenen, von Ridinger als Anregung für seine eigenen Fürstliche(n) Personen zu Pferde genutzten sechs Blatt der complett literaturmäßig hier nicht mehr belegbaren großen Rugendas’schen

Folge  der  Fürsten  zu  Pferde

auf  galoppierenden  Schimmeln  mit  dem  Marschallstab  in  der  Rechten

an sich repräsentieren, sondern zugleich für die ungemein reizvolle, ganz persönliche Versuchung + Verlockung stehen, diese

historisch  ganz  brandfrisch

(1713/14)  geschaffene  Folge

peu à peu an sich zu bringen, um sie eines Tages als vielleicht dann einmalig und einzigartig complett zu besitzen. Angespornt hierzu einstweilen von dem schon jetzt gegebenen bildlichen Rahmen, indem

die  beiden  Reiter  pendantartig  auf  sich  zu  galoppieren .

Und, mehr noch, diese beiden Erlauchten zu Lebzeiten

in  engstem  persönlichen  Konnex  zueinander  standen :

„ … fanden  die  beiden  ruhmgekrönten  Feldherren … sich  wieder .“

Nämlich seit 1704 im Krieg Österreichs und seiner Verbündeten gegen Frankreich mit Bayern.

„ Am 10. Juni (1704) traf (Eugen) … am Neckar mit Marlborough zusammen, der das englische Hülfsheer commandirte … Zwei Monate später … schlugen beide Feldherren die vereinigten Franzosen und Baiern in der Entscheidungsschlacht bei Höchstädt. Die Eroberung von Landau, die Vertreibung der Franzosen aus Deutschland, die Besetzung Baierns durch die Oesterreicher waren die unmittelbaren Folgen des glanzvollen Sieges “

(Alfred Ritter von Arneth in Allgemeine Deutsche Biographie, VI [1877], SS. 409 + 411).

Und so fort. Bis zu den Friedensschlüssen von Utrecht + Rastatt (1713/14). Und in ihrer historischen Wirksamkeit noch weit über diese hinausgehend. Noch 300 Jahre später gedenkt man des Zusammenspiels ihrer Maßstäbe setzenden persönlichen Tapferkeit. So, wenn Eberhard Straub gelegentlich der Rheinsberger Prinz Heinrich-Ausstellung von Friedrichs des Großen

„ militärischen  Verwegenheiten

in  der  Tradition  des  Prinzen  Eugen

 und  des  Herzogs  von  Marlborough “

spricht (FAZ 12. 8. 2002).

„ 1688 griff Europa in einer Auseinandersetzung zu den Waffen, die, abgesehen von einer unruhigen Zwischenzeit, ein Vierteljahrhundert dauern sollte. Seit dem Duell zwischen Rom und Karthago hatte es keinen derartigen Weltkrieg gegeben. Er verwickelte alle zivilisierten Nationen; er erfaßte jeden zugänglichen Teil der Erde … Tatsächlich gibt es andere bemerkenswerte Ähnlichkeiten zwischen dieser Zeit und dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Es bestand die gleiche Gefahr, daß die Vorherrschaft eines Volkes und einer Kultur allen anderen mit militärischer Gewalt aufgezwungen werden würde. Es gab die Ohnmacht Europas ohne die Hilfe Britanniens; Englands langsame, aber sichere Annahme der Herausforderung und der Berufung; und die gleiche gewaltige, zunehmende Entwicklung der britischen Anstrengungen während der Auseinandersetzung.

„ Die Kriege von William und Anne waren nicht bloße Bestrebungen nationalen Ehrgeizes oder territorialer Ausdehnung. Im wesentlichen waren sie ein Kampf für Leben und Freiheit nicht allein in England, sondern des protestantischen Europas … Der Triumph des Frankreichs von Ludwig XIV. hätte die Entwicklung der Freiheit, derer wir uns gegenwärtig erfreuen, nachteilig beeinflußt und beschränkt, mehr noch als die Vorherrschaft Napoleons oder des deutschen Kaisers “

(Winston S. Churchill, Marlborough, His Life and Times [Chicago 2002], Bd. I, S. 16).

Doch am Beginn des 21. Jahrhunderts, nach Verlauf eines weiteren Jahrhunderts und noch einem weiteren Weltkrieg, gibt es erneut eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem heutigen Europa – „wie ein Riese, der seinem Schicksal hilflos entgegen taumelt“ (Frank Lübberding, FAZ, 20. 6. 2011) – wenn Dirk Schümer die belgische Demokratie – mehr als ein Jahr nach nationalen Wahlen noch immer ohne rechtmäßige Regierung – als „sanft verdunstet“ diagnostiziert und zu einem „Europa der demokratischen Nationen“ aufruft (Europa in der Krise – Zurück zur Nation, in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6. Juni 2011).

Und Hans Magnus Enzensberger analysiert in seiner Dankesrede zum dänischen Sonning-Preis 2010 für herausragende Beiträge zur europäischen Kultur als dem Kern seines kürzlichen Essays Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas:

„ Schon seit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft haben Ministerrat und Kommission dafür gesorgt, dass die Bevölkerung bei ihren Beschlüssen nichts mitzureden hat. Als hätte es die Verfassungskämpfe des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts nie gegeben, haben sie sich von Anfang an auf eine Kabinettspolitik verständigt, die alles Wesentliche im Hinterzimmer aushandelt. Dass dieser Rückfall in vorkonstitutionelle Zustände durch kosmetische Korrekturen zu heilen wäre, glaubt inzwischen niemand mehr. Das vielbeschworene demokratische Defizit ist also nichts weiter als ein vornehmer Ausdruck für die politische Enteignung der Bürger.

„ Ein Vergleich (des Vertrages von Lissabon, einem Verfassungs-Ersatz) mit dem Text der amerikanischen Verfassung zeigt, dass hier nicht nur mit der Sprache Schindluder getrieben wird. Auch der schiere Umfang des Dokuments spricht für sich. Es ist über 180 Seiten stark …

„ Hannah Arendt hat vor fünfundvierzig Jahren dazu das Nötige gesagt. Sie sprach damals in Kopenhagen vom ‚Druck einer sich abzeichnenden Veränderung aller Staatsformen, die sich zu Bürokratien entwickeln, das heißt, zu einer Herrschaft weder von Gesetzen noch von Menschen, sondern von anonymen Büros oder Computern, deren völlig entpersönlichte Übermacht für die Freiheit und für jenes Minimum an Zivilität, ohne das ein gemeinschaftliches Leben nicht vorstellbar ist, bedrohlicher sein mag als die empörendste Willkür von Tyranneien in der Vergangenheit‘.

„ (Die Manager der Union) … haben … sich eine Strategie ausgedacht, die sie gegen jede Kritik immunisieren soll. Wer ihren Plänen widerspricht, wird als Antieuropäer hingestellt. Von ferne erinnert das an die Rhetorik des Senators Joseph McCarthy und der KPdSU. Was ihnen nicht passte, pflegten sie zu verleumden, die einen als ‚un-American Activities‘, die andern als ‚antisowjetische Umtriebe‘ “

(zitert nach der leicht gekürzten Dokumentation der Rede in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 3. Feb. 2010).

Der erste Träger des Sonning-Preises war übrigens 1950 Sir Winston Churchill.

Es sei jedem selbst überlassen zu entscheiden, ob wir nicht Zeugen eines späten Triumphes Ludwigs XIV. sind, dem Triumph einer neuerlichen Vorherrschaft, die Freiheit und Demokratie nachteilig beeinflußt und beschränkt, einem immer noch ohnmächtigen Europa diesmal nicht durch militärische Gewalt, sondern eine Bürokratie aufgezwungen, die bewußt sämtliche Aspekte unseres Lebens beherrscht.

Eine Vorherrschaft, von der Britannien, oft gescholten für ihren gesunden angelsächsischen Menschenverstand und die darauf gegründete Zurückhaltung, sich dieser zu beugen und ihre Rechte, die Rechte und Freiheit ihrer Bürger, dieser post-demokratischen (Enzensberger), euphemistisch „Union“ genannten Oligarchie zu unterwerfen, trotz jüngster Teilnahme an einem Neokolonialkrieg an Frankreichs Seite bislang einigermaßen Abstand hält.

Und man mag sich fragen, ob diese „ungeheure Macht“ tatsächlich so unwiederbringlich gebrochen war wie Churchill zuvor in seiner Charakterisierung Marlboroughs feststellte:

„ Bis zum Erscheinen von Napoleon übte kein Befehlshaber eine derart weitreichende Macht in Europa aus … Er war der Kopf der glorreichsten Regierung in … der Geschichte (Englands) als er Europa führte, die Habsburgische Monarchie rettete und die ungeheure Macht Frankreichs unwiederbringlich brach … “

Was keineswegs die zentrale Rolle seines europäischen Gegenübers, Prinz Eugen, vergessen lassen sollte, mit dem ihn „eine zwischen Hauptleuten gleichen Ruhmes unvergleichliche Waffenbrüderschaft“ verband (a. a. O, S. 17).

Ihrer beider so adäquate Portraits von der Hand des großen Rugendas als Zeitgenosse hier denn in sehr schönem, nuancenreichem Druck von kontrastreichem Hell-Dunkel und gleichfalls adäquater Erhaltung, gleichwohl knapp bis an Plattenkante, stellenweise auf dieser selbst und rechts 3,5 cm auf Bildkante geschnitten. Das Eugen-Blatt zusätzlich leicht berieben, zwei winzige bzw. ganz kleine Abschabungen rechts im Rand, nur minimal bemerkbare Vertikalfalte von unten bis unter den Bauch des Pferdes. – Alt auf Bütten montiert, dessen Ränder recto rahmenmäßig mit blau-grauem Papier kaschiert sind. Die Bilder selbst dann mit schwarzer Einfassungslinie paspeliert.

Und  qualifiziert  schließlich  durch Vorbesitz der auf Anfang des 19. Jahrhunderts zurückgehenden Portrait-Sammlung von Vater + Sohn von Roemer, die 1871 auf das heutige Museum der Bildenden Künste Leipzig überging und von diesem 1924 offenbar als Ganzes (nicht nur in Doubletten, wie Lugt vermerkt; siehe Versteigerung Boerner 142) veräußert wurde. Recto unten rechts dessen Bestandsstempel „Staedtisches Museum zu Leipzig“ (Lugt 1669e), verso der Ausscheidungsstempel „Abgegeben v. Museum d. b. K. Leipzig“ (L. 1669f). – Sehr schöne, nuancenreiche Drucke von leuchtendem Hell-Dunkel und adäquater Erhaltung.

Andrea Teuscher gibt für die Folge per Nr. 56 „ca. 8 Bll.“ an, kann aber gleichwohl nur sechs beschreiben (53-58). Denn das von ihr unter 59 als „zusätzliches Blatt“ geführte ist weder stilistisch, noch format- und unterschriftmäßig zugehörig, wäre zudem auch eine Wiederholung des Eugen-Portraits 55. Insofern folgt sie Stillfried’s Irrtum, der es in Unkenntnis des auch Nagler unbekannt gebliebenen tatsächlichen per 281 in die Folge einbezog. Auch ihr Literatur-Beizug Boerner ist unzutreffend, da gleichfalls 55 betreffend und St. 281 (T. 59) als Nachstich ansehend. Siehe hierzu auch die ausführliche Separatbeschreibung.

Tatsächlich auch dürfte die Folge sechsblättrig mit T. 53-58 complett sein, wie sie denn auch – offensichtlich als einziges Exemplar! – auf besagter Boerner-Versteigerung „Kupferstichsammlung von alten Meistern des XV.-XVIII. Jahrhunderts“ unter Pos. 1670 wie folgt figurierte :

„ Die  schönen , großen  Reiterporträts

in  prachtvollen , gleichmäßigen , frischen Abdrucken …

Sämtlich  auf  blauem  Karton  altmontiert . “

Ergo das zwischenzeitlich nunmehr vereinzelte von Roemer’sche Exemplar des Leipziger Museums, dem die hiesigen Positionen 14.363 + 14.364, T. 55 + 58, angehörten. Womit hier

derzeit  kein  vollständiges  Exemplar  literaturbekannt  ist .

Denn dessen Nachweis bei Teuscher ist an Hand hiesigen obigen Nachtrags nunmehr gestückelt. Und den dort des weiteren beigezogenen Exemplaren in Coburg + Dresden fehlt jeweils das hier anstehende des Herzogs von Marlborough (T. 58), zeitweisen Fürsten von Mindelheim.

Jeweils fünf auch nur beschrieb als Einzelblätter Nagler und besaß Graf Stillfried. Beide nennen statt des richtigen Eugen nur dessen Nachstich (N. 8). So dürfte es sich um ein und dasselbe Exemplar handeln, das Nagler als Antiquar seinem gräflichen Kunden überließ. In Augsburg übrigens mit T. 54 nur ein einziges Blatt der Folge!

Daß diese um Nagler 7 „Carl XII. zu Pferde mit dem Degen in der Hand, wie er die Feinde vor sich hintreibt, eines der Hauptblätter des Meisters“ als Teuscher unbekannt geblieben zu ergänzen wäre, erscheint stilistisch unwahrscheinlich, obgleich, analog zu T. 53-58 (nicht aber zu T. 59!), von Nagler gleichfalls als „gr. fol.“ bezeichnet. Denn keines der sechs gesicherten Folgen-Blätter zeigt die Feldherren in Feindberührung, wie für Carl XII. als deren Zeitgenossen erwähnt. Letzteres denn übrigens auch als einziges dieser großen Fürsten-Blätter innerhalb der etwa 27.600 Positionen der Abt. I-XXVIII des Weigel’schen Kunstlager-Catalogs (1838/57). Nicht eines betreffend T. 53-58! Deren, und damit auch des hier anstehenden,

Seltenheit  somit  einfach  superb !

Und das nicht allein besonderer Umstände halber am Markt, sondern generell. Bezifferte doch schon 1675 der Praktiker von Sandrart „saubere Abdrucke“ der samtenen Schabkunst auf nur etwa „50 oder 60“ (!). „(H)ernach aber schleift (das Bild) sich bald ab, weil es nicht tief ins Kupfer gehet“. Entsprechend denn am Beispiel Ridinger’s 1856 Thienemann :

„ Die Schwarzkunstblätter sind im Handel fast gar nicht mehr …
zu bekommen … und (deren) bei Weitem größten Theil …
(habe ich) allein (im Kupferstichcabinet Dresden) gefunden. “

Nicht einmal dort denn aber des älteren Georg Philipp’s große Folge der „Fürsten zu Pferde“ als Ganzes, der später sein gleichnamiger Sohn eine mit 34 x 22 cm sichtbar kleinformatigere eigene folgen ließ, von der Teuscher fünf Blatt bekannt sind (429-433), mit denen T. 59 aber gleichfalls nicht harmoniert. Für die Entstehungszeit der väterlichen großen sieht T. 53 als terminus post quem 1713, als erst in jenem Jahre dessen Friedrich Wilhelm (I.) als König in Preußen nachfolgte. Da andererseits anstehender Marlborough noch als Princeps Mindelheimensis figuriert, wie 1714 hinfällig geworden, darf die Entstehung zeitlich entsprechend eng begrenzt gesehen werden.

Während Nagler (1845) in Rugendas keinen „grosse(n) Meister in Mezzotinto“ sieht, dessen „Compositionen aber voll Leben und immer mit Geist entworfen“ seien – deren Erstzustände sein „inv. et fec.“, wie anstehend (spätere Adressen diesbezüglich hier nicht bekannt) oder die Adresse Jeremias Wolff’s trügen – , betont Gode Krämer (1998) seine

„ von  ihm  meisterhaft  beherrschte  Technik  der  Schabkunst “

und qualifiziert ihn als „ein(en) so vorzügliche(n) Radierer und Schabkünstler“, der „sich für Augsburg früh die Schabkunsttechnik zu eigen machte und mit der Verbindung der Schabkunst- und der Radiertechnik durch die Umrißradierung eine neue Variante einführte“ (in Björn R. Kommer, Hrsg., Rugendas / Eine Künstlerfamilie in Wandel und Tradition / Katalog zur Ausstellung 1998, SS. 8 f.).

Angebots-Nr. 14.365 / Preis auf Anfrage

Siehe auch die Einzelbeschreibungen zu

Prinz Eugen von Savoyen + John Churchill Herzog von Marlborough


„ perfekt, Vielen Dank! “

(Frau S. N., 4. Mai 2017)