1704 – 2004
Zum 300. Jahrestag der Schlacht
von Höchstedt / Blindheim
Unsterblicher Prinz Eugen
Rugendas, Georg Philipp I (1666 Augsburg 1742). Serenissimus Princeps Eugenius Franciscus, Dux Sabaudiæ et Pedemontÿ, Marchio de Saluzzo, Sac. Cæs. Maj. Consiliar. Int. Concilÿ Aulico-Bellici Præses, Copiarum Cæsarear. Dux Supremus et Locumtenens Generalis: S. R. I. Campi Mareschall., aurei Velleris Eques.
Franz Eugen Prinz von Savoyen
(1663-1736)
als, mit Marlborough, dem Sieger des 13. August ,
der „dem spanischen Erbfolgekrieg eine entscheidende Wendung gab“.
Hier mit Marschallstab in der ausgestreckten Rechten auf Schimmel in nur staffageweise angedeuteter Landschaft nach rechts sprengend. Rechts seitlich im Mittelgrund teils nur schemenhaft vorgetragene Gefechtsszenerie. Schabkunstblatt. (1713/14.) Bezeichnet: Georg Philipp Rugendas inv. et fecit Aug. Vind., ansonsten wie vor. 46,9 x 36,2 cm.
Teuscher 55 – Nicht bei Stillfried + Nagler, die beide nur die nicht zugehörende Version T. 59 kennen, siehe unten.
Qualifiziert durch Vorbesitz der auf Anfang des 19. Jahrhunderts zurückgehenden Portrait-Sammlung von Vater + Sohn von Roemer, die 1871 auf das heutige Museum der Bildenden Künste Leipzig überging und von diesem 1924 offenbar als Ganzes (nicht nur in Doubletten, wie Lugt vermerkt; siehe Versteigerung Boerner 142) veräußert wurde. Recto unten rechts dessen Bestandsstempel „Staedtisches Museum zu Leipzig“ (Lugt 1669e), verso der Ausscheidungsstempel „Abgegeben v. Museum d. b. K. Leipzig“ (L. 1669f).
Knapp bis an Plattenkante, stellenweise auf dieser selbst und rechts 3,5 cm auf Bildkante geschnitten. – Alt auf Bütten montiert, dessen Ränder recto rahmenmäßig mit blau-grauem Papier kaschiert sind. Das Bild selbst dann mit schwarzer Einfassungslinie paspeliert.
Sehr schöner, nuancenreicher Druck von kontrastreichem Hell-Dunkel und adäquater Erhaltung (leicht berieben, zwei winzige bzw. ganz kleine Abschabungen rechts im Rand, nur minimal bemerkbare Vertikalfalte von unten bis unter den Bauch des Pferdes) zur complett literaturmäßig nicht mehr belegbaren großen
Folge der Fürsten zu Pferde

auf galoppierenden Schimmeln mit dem Marschallstab in der Rechten
vom großen Rugendas selbst, für die Andrea Teuscher per Nr. 56 „ca. 8 Bll.“ angibt, gleichwohl nur sechs beschreiben kann (53-58). Denn das von ihr unter 59 als „zusätzliches Blatt“ geführte ist weder stilistisch, noch format- und unterschriftmäßig zugehörig, wäre zudem auch eine Wiederholung des folgenkonformen hiesigen Eugen-Portraits. Insofern folgt sie Stillfried’s Irrtum, der es in Unkenntnis des auch Nagler unbekannt gebliebenen anstehenden per 281 in die Folge einbezog. Auch ihr dortiger Literatur-Beizug Boerner ist unzutreffend, da gleichfalls hiesige 55 betreffend und St. 281 (T. 59/Nagler 8) als Nachstich ansehend.
Bildmäßig reitet der auch sonst eigenständig gestaltete Eugen auf jenem von links nach rechts, während er stilistisch zunächst als unbemützt und den Marschallstab als Zeigestab benutzend von den sechs tatsächlich zugehörigen Blättern abweicht. Mehr noch aber figuriert er unmittelbar vor großer, das ganze Querformat ausfüllender Staffage seiner Truppen, indes solche sich bei T. 53-58 auf eine tief zurückgesetzte kleine partielle seitliche beschränkt. Der Untertext zudem in Deutsch und von eigener Platte gedruckt. Das Format mit 33 + 5,1 x 27 cm sichtbar kleiner.
Tatsächlich auch dürfte die Original-Folge sechsblättrig mit T. 53-58 complett sein, wie sie denn auch – offensichtlich als einziges Exemplar! – auf besagter Boerner-Versteigerung „Kupferstichsammlung von alten Meistern des XV.-XVIII. Jahrhunderts“ unter Pos. 1670 wie folgt figurierte :
„ Die schönen , großen Reiterporträts
in prachtvollen , gleichmäßigen , frischen Abdrucken …
Sämtlich auf blauem Karton altmontiert . “
Ergo das zwischenzeitlich nunmehr vereinzelte von Roemer’sche Exemplar des Leipziger Museums, dem die hiesigen Positionen 14.363 + 14.364, T. 55 + 58, angehörten. Womit hier
derzeit kein vollständiges Exemplar literaturbekannt ist .
Denn dessen Nachweis bei Teuscher ist an Hand hiesigen obigen Nachtrags nunmehr gestückelt. Und den dort des weiteren beigezogenen Exemplaren in Coburg + Dresden fehlt jeweils das des Herzogs von Marlborough (T. 58).
Jeweils fünf auch nur beschrieb als Einzelblätter Nagler und besaß Graf Stillfried. Beide nennen statt des richtigen Eugen nur dessen Nachstich (N. 8). So dürfte es sich um ein und dasselbe Exemplar handeln, das Nagler als Antiquar seinem gräflichen Kunden überließ. In Augsburg übrigens mit T. 54 nur ein einziges Blatt der Folge!
Daß diese um Nagler 7 „Carl XII. zu Pferde mit dem Degen in der Hand, wie er die Feinde vor sich hintreibt, eines der Hauptblätter des Meisters“ als Teuscher unbekannt geblieben zu ergänzen wäre, erscheint stilistisch unwahrscheinlich, obgleich, analog zu T. 53-58 (nicht aber zu T. 59!), von Nagler gleichfalls als „gr. fol.“ bezeichnet. Denn keines der sechs gesicherten Folgen-Blätter zeigt die Feldherren in Feindberührung, wie für Carl XII. als deren Zeitgenossen erwähnt. Letzteres denn übrigens auch als einziges dieser großen Fürsten-Blätter innerhalb der etwa 27.600 Positionen der Abt. I-XXVIII des Weigel’schen Kunstlager-Catalogs (1838/57). Nicht eines betreffend T. 53-58! Deren, und damit auch des hier anstehenden,
Seltenheit somit einfach superb !
Und das nicht allein besonderer Umstände halber am Markt, sondern generell. Bezifferte doch schon 1675 der Praktiker von Sandrart „saubere Abdrucke“ der samtenen Schabkunst auf nur etwa „50 oder 60“ (!). „(H)ernach aber schleift (das Bild) sich bald ab, weil es nicht tief ins Kupfer gehet“. Entsprechend denn am Beispiel Ridinger’s 1856 Thienemann :
„ Die Schwarzkunstblätter sind im Handel fast gar nicht mehr …
zu bekommen … und (deren) bei Weitem größten Theil …
(habe ich) allein (im Kupferstichcabinet Dresden) gefunden. “
Nicht einmal dort denn aber des älteren Georg Philipp’s große Folge der „Fürsten zu Pferde“ als Ganzes, der später sein gleichnamiger Sohn eine mit 34 x 22 cm sichtbar kleinformatigere eigene folgen ließ, von der Teuscher fünf Blatt bekannt sind (429-433), mit denen T. 59 aber gleichfalls nicht harmoniert. Für die Entstehungszeit der väterlichen großen sieht T. 53 als terminus post quem 1713, als erst in jenem Jahre dessen Friedrich Wilhelm (I.) als König in Preußen nachfolgte. Da andererseits Marlborough noch als Princeps Mindelheimensis figuriert, wie 1714 hinfällig geworden, darf die Entstehung zeitlich entsprechend eng begrenzt gesehen werden.
Während Nagler (1845) in Rugendas keinen „grosse(n) Meister in Mezzotinto“ sieht, dessen „Compositionen aber voll Leben und immer mit Geist entworfen“ seien – deren Erstzustände sein „inv. et fec.“, wie anstehend (spätere Adressen diesbezüglich hier nicht bekannt) oder die Adresse Jeremias Wolff’s trügen – , betont Gode Krämer (1998) seine
„ von ihm meisterhaft beherrschte Technik der Schabkunst “
und qualifiziert ihn als „ein(en) so vorzügliche(n) Radierer und Schabkünstler“, der „sich für Augsburg früh die Schabkunsttechnik zu eigen machte und mit der Verbindung der Schabkunst- und der Radiertechnik durch die Umrißradierung eine neue Variante einführte“ (in Björn R. Kommer, Hrsg., Rugendas / Eine Künstlerfamilie in Wandel und Tradition / Katalog zur Ausstellung 1998, SS. 8 f.).
Die Thematik anstehenden Blattes aber gilt keinem Geringeren als
dem unsterblich großen Prinzen Eugen ,
dem „edlen Ritter“ des Liedes, gleichgroß als Feldherr , Staatsmann und – aktiv sammelnder Mann der Künste und Wissenschaften, wie namentlich auch zu letzteren
„ kein einziger (späterer in Österreich es) dem Prinzen E. gleichthat … Und die prächtigen Gebäude, welche Wien ihm verdankt, sein Palast in der inneren Stadt und mehr noch das Belvedere sind heute noch Denkmäler (seines) geläuterten Kunstsinnes …
Als Staatsmann aber nahm er eine Stellung ein, wie sie kaum einer, selbst Kaunitz nicht ausgenommen, vor und nach ihm besaß …
und gab es keinen, welcher sechs so herrliche Siege, wie die Tage von Zenta und Höchstädt, von Turin und Malplaquet, von Peterwardein und Belgrad … für sich aufweisen konnte …
Der eigentliche Maßstab zur Beurteilung der Größe Eugens liegt aber darin, daß er nach jeder dieser drei Richtungen zugleich unübertroffen dastand … und daß sie von einem Charakter getragen wurden … (der) die höchste Bewunderung verdien(t) “
(von Arneth in der ADB, VI, 406-421).
„ … ein großer Bibliophile, sammelte seit 1712 … eine reiche Bibl. von Fürstenausg. und Prachtbdn. des 17. Jhdts. und schönen franz. Werken aus dem Anfang des 18. Jhdts., die er in reiche, wappengeschmückte Lederbde. kleiden ließ (15000 Bücher + 237 Handschriften , heute in der Österreich. Nationalbibliothek) “
(Kirchner-Löffler I, 507).
Am Anfang dieses Lebens stand die Bestimmung Ludwig XIV., an dessen Hofe die Mutter ihre Rolle spielte, zum geistlichen Stande. Denn „zu klein und schwächlich von Gestalt, mit unschönen Gesichtszügen“. Da wurde die Türkenbedrohung des Kaisers sein Schicksal. Somit wohl
der erlauchteste von Rugendas’ sechs „ Fürsten zu Pferde “ ,
als ein Reiter-Portrait, dessen
monumentale Brillanz
bestätigt, wonach der ältere Georg Philipp Rugendas „ohne Zweifel ein Talent ersten Ranges (war), um nicht zu sagen, ein Genie. Zweifellos, unter bessere Verhältnisse versetzt, etwa in den Niederlanden um 1650 lebend, ein Künstler geworden sei, der seine
sämmtlichen Pferde- und Schlachtenconcurrenten überflügelt hätte “
(Wilhelm Schmidt 1889 in der ADB, XXIX, 600).
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Siehe auch das Pendant „John Churchill Herzog von Marlborough“
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